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News: Kimme, Korn und Kaltgetränke - 70 Jahre Juister Schützenverein
Aus Anlass des 70jährigen Bestehens vom Juister Schützenverein hat Olaf Hollwedel, seit einem Vierteljahrhundert Vorsitzender bei den Schützen, einen Rückblick auf die abgelaufenen sieben Jahrzehnte Schützenwesen ausgearbeitet und in der Feierstunde verlesen. Da es sicher auch andere Leser interessiert, möchten wir diese Rede auch hier auf JNN präsentieren, zu finden unter „Weiterlesen“.
Sieben Jahrzehnte Vereinsgeschichte zeigen, wie der Juister Schützenverein Tradition und Gemeinschaft bewahrt und zugleich den Weg in die Moderne gefunden hat. Vom Bau der ersten Schießstätte im Jahr 1956 bis zu den elektronischen Trefferanzeigen des Jubiläumsjahres 2026 spannt sich ein Bogen, der treffend mit den Worten „Von Kimme, Korn und Kaltgetränken“ beschrieben werden kann.
Auf der ostfriesischen Insel Juist, zwischen Wattenmeer und Nordsee, hat sich über sieben Jahrzehnte hinweg ein Verein entwickelt, der weit mehr ist als eine sportliche Gemeinschaft. Der Juister Schützenverein e.V. verbindet Tradition, Schießsport, ehrenamtliches Engagement und gelebte Inselgemeinschaft. Für viele Juisterinnen und Juister gehört der Verein ebenso zum Inselleben wie Dünen, Strand und die Wilhelmshöhe.
Der Verein ist kein klassischer Schützenverein mit großen Umzügen, sondern ein Schießsportverein mit starkem Gemeinschaftssinn. Generationen von Mitgliedern haben dazu beigetragen, Traditionen zu bewahren und gleichzeitig den Verein an neue Herausforderungen anzupassen.
Die Anfänge
Die Gründung 1956 erfolgte aus Eigeninitiative und den Worten des damaligen „Inselsheriff“, dem Dorfpolizisten Walter Andree. In den 50er Jahren gab es auf Juist eine Knarre und ein paar junge Schießsportfreunde die ihren Sport in den Dünen und bei der Domäne Loog auslebten. Diese einfachen und provisorischen „Schießstätten“ genügten nicht den geltenden Sicherheitsbestimmungen. Irgendwas musste passieren…
Man folgte dem Rat von Walter Andree: „Selbst ist der Schütze! Ihr müsst Euch mit Hilfe der Gemeinde Euren eigenen Schießstand bauen!“ Nördlich vom „Pax-Heim“ wurde eine alte Baracke abgerissen, die die Gemeinde den Schützen zur Verfügung stellte. Aus dem gewonnenen Material errichteten engagierte Insulaner an der Wilhelmshöhe eine erste Schießstätte. Damit war der Grundstein für den heutigen Verein gelegt.
Satzung und Vereinsregister
Am 15. Januar 1957 gab sich die Gemeinschaft eine Satzung und wählte ihren ersten Vorstand. Wilhelm Bracht wurde erster Vorsitzender. Bereits ein Jahr später übernahm sein Bruder Hans Bracht das Amt. Der Verein war damit offiziell gegründet. Am 30. Oktober 1957 erfolgte die Eintragung in das Vereinsregister beim Amtsgericht Aurich unter der Nummer VR 120011
Die Vereinsfahne
Zu den wichtigsten Symbolen des Vereins gehört die Vereinsfahne. Die „erste“ Fahnenweihe fand am 28. Februar 1959 statt, und die Jahreszahl ist bis heute auf der Fahne eingestickt. Sie steht für die Verbundenheit der Mitglieder und für die Verantwortung und die Traditionen an kommende Generationen weiterzugeben.
Wachstum und Vereinsleben
Die 1960er- und 1970er-Jahre: Über die ersten Jahrzehnte existieren nur wenige schriftliche Quellen. Daher hier nur ein kleiner Auszug:
So durften die Juister bereits 1963 das Kreisschützenfest ausrichten. 1971 war Juist Ausrichter des Nordwestdeutschen Schützentages. Eine besondere Ehre wurde Herbert Munier zuteil, dieser wurde 1973 Bundeskönig des Ostfriesischen Schützenbundes.
Sicher ist jedoch, dass sich der Schießstand an der Wilhelmshöhe als Mittelpunkt des Vereinslebens etablierte. Die heute noch bestehende Freundschaft zum Schießsport-Verein Norderney reicht nach Vereinsangaben bis in die 1970er-Jahre zurück.
Ebenfalls in dieser Zeit entwickelte sich das Geflügelpreisschießen für jedermann zu einer festen Tradition. Bürger, Vereine und Gruppen konnten daran teilnehmen. Diese Veranstaltung trug wesentlich dazu bei, den Verein für die gesamte Insel zu öffnen.
Gründung der Damenriege
Mit der Gründung der Damenriege im Jahr 1974 wurde ein weiterer wichtiger Schritt in der Vereinsentwicklung vollzogen. Martina Janssen-Visser trat damals ein und sollte später als langjährige Kassenwartin eine der prägenden Persönlichkeiten des Vereins werden.
Wechsel an der Spitze
1983 übernahm Klaus Fürstenberg den Vorsitz des Vereins. Bis 2001 führte er die Geschicke des Juister Schützenvereins und prägte fast zwei Jahrzehnte lang dessen Entwicklung.
Die Ära Olaf Hollwedel
Im Jahr 2001 übernahm Olaf Hollwedel den Vorsitz. Unter seiner Führung entwickelte sich der Verein kontinuierlich weiter. Über die Jahre wurde er mehrfach im Amt bestätigt und trat 2025 bereits seine siebte Amtsperiode an. Zu diesem Zeitpunkt führte er den Verein seit rund 24 Jahren.
Gemeinsam mit vielen ehrenamtlich engagierten Mitgliedern sorgte er dafür, dass Traditionen erhalten blieben und zugleich notwendige Modernisierungen umgesetzt wurden.
Jubiläum und Erneuerung
Im Juni 1981 fand die erste große Jubiläumsfeier des Juister Schützenvereins statt. Das 25jährige Jubiläum war ein ganz besonderes Fest. Im Zwischendeichgelände wurde ein Schießzelt mit 14 Bahnen aufgebaut. Zudem gab ein eine Schießbude und Juist hatte zum ersten Mal ein Karussell.
2006: 50 Jahre Juister Schützenverein „Wenige Mitglieder, großes Fest“ hieß es schon einmal in einer Festschrift. Aber dennoch schafften es die Juister Schützen, ein dreitägiges Fest auf die Beine zu stellen. Im festlich geschmückten Boothaus wurde zugleich das Kreisverbandsfest gefeiert. Zur musikalischen Untermalung waren gleich drei Musikzüge der Einladung nach Juist gefolgt.
60 Jahre Juister Schützenverein
Ein besonderer Meilenstein war das 60-jährige Jubiläum im Jahr 2016. Im Hotel „Friesenhof“ wurde gemeinsam auch das Kreisverbandsfest gefeiert. Höhepunkt war die erneute Weihe der historischen Vereinsfahne. Dabei agierte ein ganz besonderer Schützenbruder als Fahnenträger, Günter Janssen der schon an der ersten Fahnenweihe teilgenommen hatte.
Die Fahne war zuvor aufwendig restauriert worden. Die Juist-Stiftung unterstützte die Sanierung finanziell. In der humorvollen Vereinsüberlieferung heißt es, die Fahne sei damals erfolgreich vom „Staub der Jahrzehnte“ befreit worden.
Neue Dynamik und Mitgliederzuwachs
Ab 2012 gewann der Verein zahlreiche neue Mitglieder. Die Jugendarbeit wurde wiederbelebt, Jugendliche fanden den Weg in den Verein, wenn auch leider nur für kurze Zeit, und auch die Damenriege wurde stärker in das sportliche Vereinsleben eingebunden.
In den folgenden Jahren konnte der Verein einen kontinuierlichen Mitgliederzuwachs verzeichnen. Das Vereinsleben wurde von Kreismeisterschaften, Pokalschießen, Königsschießen, Gästeschießen und zahlreichen Arbeitseinsätzen geprägt.
Die Corona-Jahre
Die Jahre 2020 bis 2022 stellten den Verein vor außergewöhnliche Herausforderungen. Jahreshauptversammlungen mussten ausfallen, Königsschießen und Geflügelpreisschießen konnten zeitweise nicht stattfinden und das Vereinsleben kam nahezu zum Erliegen. Gleichzeitig liefen laufende Kosten wie Pacht, Versicherung und Verbandsbeiträge weiter. Nach dieser schwierigen Zeit gelang 2023 der Neustart. Das Königsschießen kehrte zurück und der Verein nahm seine Aktivitäten wieder vollständig auf.
Modernisierung des Schützenhauses
2023 fiel die Gasheizung des Schützenhauses aus. Mit Unterstützung der Juist-Stiftung konnte eine Klimaanlage beschafft werden. Damit wurden Vereinsraum, historische Gegenstände und der Schießbetrieb gesichert.
Neuer Luftgewehrstand
2024 errichteten die Mitglieder in erheblicher Eigenleistung einen neuen Luftgewehrstand. Das Projekt zeigte eindrucksvoll die Einsatzbereitschaft und den Zusammenhalt innerhalb des Vereins. Finanziell half dem Verein dabei ein erfolgreiches Crowdfunding (Kraut-fann-ding) (zu deutsch Schwarmfinanzierung) der Raiffeisen Volksbanken. 5600,- Euro halfen dem Verein zur Realisierung des Vorhabens.
Elektronische Trefferanzeigen
2025 erfolgte ein weiterer großer Modernisierungsschritt. Die alten mechanischen Trefferanzeigen wurden durch moderne elektronische Systeme ersetzt.
Traditionen und Besonderheiten
Königsschießen
Das Königsschießen gehört zu den Höhepunkten jedes Vereinsjahres. Nach der Pandemie wurden wieder neue Majestäten ermittelt. Zuletzt wurde im März 2026 Jann Fisser als „Jann I.“ Schützenkönig. Damenkönigin wurde Nadina Peters.
Geflügelpreisschießen
Das Geflügelpreisschießen für jedermann ist seit Jahrzehnten fester Bestandteil des Vereinslebens und erfreut sich großer Beliebtheit bei den Insulanern. Die Teilnehmerzahlen erreichten in den letzten Jahren regelmäßig Rekordwerte.
Sportschießen für Gäste
Auch Urlauber können den Schießsport auf Juist kennenlernen. Während der Sommersaison lädt der Verein regelmäßig zum „Kurgastschießen“ – so hieß diese Veranstaltung viele Jahre lang bis sich eine Urlauberin im Rathaus darüber beschwert hatte - ein und bietet damit eine besondere Freizeitaktivität auf der Insel an. Um es Humorvoll zu umschreiben:
Das Sommer-Gästeschießen: Nerven aus Stahl gesucht!
Wenn im Juli und August die Urlauber die Insel stürmen, mutieren die Inselschützen zu Mentaltrainern. Jeden Mittwoch von 16:00 bis 19:00 Uhr lädt der Verein zum Sportschießen für Gäste an die Wilhelmshöhe ein.
Kurgäste versuchen dann, nach drei Fischbrötchen und einer steifen Brise die Scheibe zu treffen, während die Juister Schützen mit stoischer Gelassenheit die Aufsicht führen und Medaillen und Pokale verteilen.
Besondere Pokale
Neben Vereinsmeisterschaft und Königswürde besitzt der Verein eine Reihe außergewöhnlicher Wettbewerbe. Dazu gehören die vereinseigene Vierschanzentournee mit dem Goldenen Ski, der Himbeergeist-Pokal, der Lottopokal und der Wettbewerb um den „Verdrehten König“. Diese Veranstaltungen zeigen, dass sportlicher Ehrgeiz und gesellige Unterhaltung auf Juist eng zusammengehören.
Himbeergeist- und Lottopokal: Während beim Lottopokal neben dem Zielwasser auch eine gehörige Portion Glück im Spiel ist, ranken sich um den legendären Himbeergeistpokal vor allem amüsante Geschichten über die anschließende Feierlichkeit an der Theke. Hierzu ein Zitat der Juister Online-Zeitung JNN, seinerzeit von Stefan Erdmann verfasst, der zu diesem Zeitpunkt noch kein Vereinsmitglied war: „Auf den Himbeergeistpokal freut sich wieder ganz Juist. Der „Einmarsch“ der Schützen nach dem Schießen ins Dorf ist immer ein ganz besonderes Erlebnis für die ganze Insel“
Der Verein heute
Im Jahr 2026 zählt der Verein 61 Mitglieder, davon 36 aktive Schützen. Der Schießstand an der Wilhelmshöhe bleibt Mittelpunkt des Vereinslebens. Der Verein gehört dem Kreisschützenverband Norden, dem Ostfriesischen Schützenbund und dem Nordwestdeutschen Schützenbund an.
Die enge Freundschaft zum Schießsport-Verein Norderney wird weiterhin gepflegt. Regelmäßige gegenseitige Besuche gehören zum festen Vereinsprogramm.
70 Jahre Juister Schützenverein
Sieben Jahrzehnte nach dem Bau der ersten Schießstätte steht der Verein auf einem soliden Fundament aus Tradition, Gemeinschaft und ehrenamtlichem Engagement.
Die Geschichte des Juister Schützenvereins ist die Geschichte vieler engagierter Menschen. Von den Anfängen mit einer einfachen Schießstätte über die Restaurierung der historischen Fahne bis hin zum heutigen Tage mit elektronischer Trefferanzeige zieht sich ein roter Faden: Gemeinschaft, Zusammenhalt und die Bereitschaft, Verantwortung für das Vereinsleben auf Juist zu übernehmen.
Der Juister Schützenverein bewahrt damit nicht nur ein Stück ostfriesischer Vereinskultur, sondern bleibt zugleich eine lebendige Gemeinschaft für Jung und Alt. Durch Schießsport, Brauchtumspflege, ehrenamtliches Engagement und die Offenheit gegenüber Gästen trägt er wesentlich zum gesellschaftlichen Leben der Nordseeinsel Juist bei. So steht der Verein nach 70 Jahren Geschichte weiterhin für das, was ihn seit seiner Gründung auszeichnet: Gemeinschaft, Verlässlichkeit, Tradition und die Fähigkeit, sich den Herausforderungen der Zeit anzupassen.
Unser Foto auf der Startseite zeigt den Schützenverein nach dem Königsschießen im Jahr 1984.
Die Fotos 2 und 3 entstanden 1981 bei der großen Jubiläumsfeier zum 25jährigen Bestehen des Schützenvereines.
Foto 4 ist von 1968 und wurde in Norddeich aufgenommen. Damals gab es einen gemeinsamen Spielmannszug von Schützenverein und Feuerwehr. Hier musste der Juister Maibaum in Norddeich mit einem Fass Bier ausgelöst und wieder abgeholt werden, nachdem die Norddeicher den Baum klauen konnten, weil die Schützen, die für die Bewachung zuständig waren, ihre Wache in die „Kupferkanne“ (heute „Spelunke“) verlegt hatten.
Foto 5 Günter Janssen, das einzig noch lebende Gründungsmitglied vom Schützenverein, war ein einziges Mal im Königshaus, da aber als Schützenkönig und zugleich wurde er Kreiskönig.
Foto 6 Herbert Munier, der 1973 sogar Bundesschützenkönig des Ostfriesischen Schützenbundes wurde.
Foto 7 Zwischendurch gab es auch eine sehr starke Jugendabteilung im Schützenverein.
Fotos 8 und 9 Die Damenriege, die wo zahlreiche Frauen über Jahrzehnte aktiv dabei waren, auf der Schießanlage und in der „Wilhelmshöhe“. Ältestes Mitglied ist im Schützenverein ist aus dieser Riege Therese Remmers, die jetzt 93 Jahre alt wurde.
Foto 10 Gründungsmitglied Günter Janssen und der heutige Vorsitzende Olaf Hollwedel.
Mit diesem Rückblick möchten wir unsere Berichterstattung zum 70jährigen Jubiläum abschließen.
TEXT: OLAF HOLLWEDEL, bearbeitet von STEFAN ERDMANN
FOTOS: ARCHIV JUISTER SCHÜTZENVEREIN (7), PRESSEARCHIV STEFAN ERDMANN (3)

