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News: Wenn Lasten geteilt werden: Weltgebetstag verbindet Juist mit Nigeria
Manchmal sind es die stillen Abende, die lange nachklingen. In der evangelischen Inselkirche auf Juist versammelten sich Menschen zum Weltgebetstag, einem Moment im Jahr, in dem rund um den Globus zur gleichen Zeit innegehalten und gemeinsam gebetet wird. Auch auf Juist fand diese Tradition wieder ihren Platz.
Im Mittelpunkt dieser internationalen Feier stand in diesem Jahr das Land Nigeria. Das westafrikanische Land am Golf von Guinea ist mit rund 220 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land Afrikas und mit etwa 923.000 Quadratkilometern rund zweieinhalbmal so groß wie Deutschland. Christentum und Islam prägen das religiöse Leben des Landes, daneben spielen auch traditionelle Glaubensformen eine Rolle. Trotz reicher Bodenschätze und einer wachsenden Wirtschaft ist Nigeria für viele Menschen ein Zuhause in Armut und Gewalt. Besonders junge Menschen leiden unter Arbeitslosigkeit, Terror und Perspektivlosigkeit. Außerhalb der Städte tragen vor allem Frauen und Mädchen schwere Lasten des Alltags.
Im Namen christlicher Frauen aus Nigeria wurde zu diesem Abend zu einem ökumenischen Gottesdienst eingeladen. Es war mehr als ein gemeinsames Gebet. Es war eine Einladung, einzutauchen in die Sorgen und Ängste der Menschen, in ihre Geschichten und zu spüren, wie stark ihr Glaube und ihre Hoffnung sind. Jeder Besucher erhielt einen kleinen Stein in die Hand. Ein einfaches Symbol für die Lasten, die Menschen tragen. Ein Satz begleitete diesen Moment: „Der Schmerz von Einzelnen ist der Schmerz aller.“
Dieses Gefühl war spürbar im Raum. Drei Frauen aus Nigeria erzählten ihre Geschichte, stellvertretend gesprochen von drei Frauen im Altarraum. Beatrice, eine junge Witwe, droht unter den Schwierigkeiten ihres Lebens erdrückt zu werden. Doch durch ihren Glauben und die Gemeinschaft findet sie neue Kraft. Für sie und ihre Stärke wird gebetet, damit sie den gesellschaftlichen Druck und die Ungerechtigkeit weiter aushalten kann.
Eine Mischung aus deutschen, englischen und afrikanischen Liedern begleitete die Geschichten. Jato, die Mutter einer 14jährigen Tochter, machte deutlich, wie gespalten das Land in Teilen ist. Sie lebt im Norden Nigerias als Christin unter vielen muslimischen Nachbarn. Während in anderen Regionen Menschen unterschiedlicher Religionen friedlich zusammenleben, bangt sie jeden Tag um die Sicherheit ihrer Tochter. Ihre Sorgen werden in über 150 Ländern verlesen und bekommen eine Stimme.
Ein Mädchen im gleichen Alter wie ihre Tochter wurde von der Terrorgruppe Boko Haram entführt. Eine einfache Internetrecherche führt zu dem Namen Leah Sharibu. Bis heute wird sie gefangen gehalten, weil sie sich weigert, ihren Glauben zu verleugnen. In diesem Moment rücken die Geschichten näher. Die Sorgen einer Mutter sind plötzlich nicht mehr fern. Sie werden spürbar.
Vom Beten ging es zum Handeln. Jeder hielt noch den kleinen Stein in der Hand, Symbol für die eigenen Lasten. Neben der Möglichkeit zu spenden tauchten die Besucher noch einmal in die Welt der Menschen in Nigeria ein. Die Gaben der Gemeinschaft wurden tanzend zum Altar gebracht. Trotz aller Schwere tanzen die Menschen dort, glauben weiter und verlieren ihre Hoffnung nicht.
Am Ende des Gottesdienstes versammelten sich alle zu einem gemeinsamen Segen. Dabei legte jeder die Hand auf die Schulter seines Nachbarn. Ein stilles Zeichen der gegenseitigen Stütze und der Gemeinschaft. Ein Moment, der spüren ließ, dass Lasten leichter werden können, wenn man sie gemeinsam trägt.
Auch an diesem Abend wurde symbolisch der eigene Stein abgelegt. Lasten werden geteilt, gemeinsam getragen. Stattdessen erhielt jeder eine kleine Schwertmuschel mit Worten wie „Du bist wertvoll“ oder „Dein Glaube trägt dich“.
Der Abend endete im Terrassensaal bei nigerianischem Essen und Getränken. Gemeinschaft wurde gefeiert, Gespräche entstanden und der Gottesdienst klang in einem warmen Miteinander aus.
Dieser Weltgebetstag war mehr als ein Gottesdienst. Er klingt nach. In dem Wissen, dass es viel Schmerz und viele Lasten in dieser Welt gibt, aber dass das gemeinsame Tragen sie leichter machen kann.
TEXT UND FOTOS: FRIEDERIKE SCHMERMBECK

