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Rat und Verwaltung: NLKWN-Chef Thorenz: Erst Druckrohrleitung, dann Deicherhöhung

Beigetragen von S.Erdmann am 17. Mai 2026 - 19:16 Uhr

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Schon seit rund zehn Jahren geht es auf Juist darum, die Druckrohrleitung für Abwasser vom Dorf zur Kläranlage zu erneuern. Inzwischen ist sie rund 60 Jahre, wobei die Lebenserwartung bei 50 Jahren liegt. Ein Ausfall hätte verheerende Folgen für Juist und seinen Tourismus, und eine Übergangslösung mit Reparatur nach einer Beschädigung vor zwei Jahren hatte der Gemeinde sehr viel Geld gekostet.

Doch die Sache ist ungleich größer, denn auch der Deich vom Dorf bis zur Domäne Loog muss erhöht werden. Obwohl das eine eine Infrastruktursanierung der Inselgemeinde, das andere eine Küstenschutzmaßnahme des Landes Niedersachsens ist, sind beide Baumaßnahmen eng miteinander verknüpft. Jetzt fand dazu eine Bürgerinformationsveranstaltung mit hochrangigen Vertretern vom Festland im Dorfgemeinschaftshaus statt, wozu sich rund 40 interessierte Juister einfanden.

Zu Beginn informierte Carina-Janssen-Visser von der Bauunterhaltung der Gemeinde über zwei Planungsverfahren zur Verlegung der Druckrohrleitung. Erst wurde für den Bereich der Billstraße und Loog die Verlegung durch die Salzwiesen mittels einer sogenannten Horizontalspülbohrung angedacht, jedoch bedarf es hier einer umfangreichen Abstimmung, weil es sich um einen Eingriff in einen hochsensiblen Naturraum handelt. Zudem sei ein Bohrturm erforderlich, auch könne nur außerhalb der Sturmflutsaison im Sommer daran gearbeitet werden, so dass zwei bis drei Jahre für die Erstellung gerechnet würden.

Neu kam nun die Alternative der offenen Bauweise über die Billstraße und den Loogster Pad ins Spiel, dieses sei kostengünstiger, man könne auch in den Wintermonaten daran arbeiten und benötige zudem weniger Kompensationsflächen. Die Pflasterung der Billstraße ist ohnehin schon seit Jahrzehnten abgängig – oder wie ein Anwohner es auf der Versammlung nannte – „Schrott“ und nach dem Einbau der Leitung auf der Südseite der Straße könne sie mit neuer Pflasterung saniert werden.

Auf die Problematik bei der Bohrlösung ging auch Anna Appel von der Nationalparkverwaltung Nieders. Wattenmeer ein. Sie sprach davon, dass diese Variante im Nationalpark nicht erlaubt sei. Neben den Nationalparkbestimmungen wäre zudem das Bundesnaturschutzgesetz zu beachten. Bei solche Baumaßnahmen sei zwar ein sehr umfangreiches Befreiungsverfahren möglich, allerdings nur, wenn es keine anderen Lösungsmöglichkeiten gäbe. Zudem wies sie darauf hin, dass es sich auf Juist um sehr hochwertige Salzwiesen handelt, da sie auf sehr niedrigen Niveau zum Hochwasser liegen. Daher müsste man bei Arbeiten auch im Sommer sehr vorsichtig sein, weil z.B. bei einer höheren Springtide und/oder stärkeren Westwinden immer damit zu rechnen sei, dass die Baustelle unter Wasser gesetzt würde.

Auch Rainer Feldmann von der Niemann & Partner Planungsgesellschaft mbH aus Norden als Planungsbüro für die Kommune stellte klar, dass sie die Billstraßenlösung als Favorit sehen. Neben den bereits erwähnten Problemen bei der Salzwiesenbohrung nannte der Planer die Lösung nicht nur aufwendig, da der genaue Verlauf des neuen Deiches noch nicht feststehe, könne man den Leitungsweg noch nicht genau festlegen. Zudem wies er darauf hin, dass im Falle von späteren Reparaturen die Sache auf den Salzwiesen kompliziert und aufwändig werde, weil dann unter Umständen schweres Baugerät über den neuen und höheren Deich gebracht werden müsse. Er regte an, die ohnehin sanierungsbedürftige Billstraße nach dem Einbau der Druckrohrleitung so auszubauen, dass sie eine Doppelfunktion als Gemeindestraße wie auch Deichverteidigungsweg für das Land bekäme.

Diese Lösung hält auch der Nieders. Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) für denkbar und sinnvoll, wie deren Vertreter erklärten. Prof. Frank Thorenz, Betriebsstellenleiter aus Norden, und Mathis Reske, Aufgabenbereichsleiter Planen und Bauen, waren zur Insel gekommen und brachten Präsentationen und einige Zahlen zur geplanten Deichbaumaßnahme mit. Dabei schafften sie es, die doch recht komplizierte Materie so zu erklären, die alles für die Zuschauer weitestgehend verständlich wurde. Thorenz betonte aber, dass es an diesem Abend weniger um Details, sondern mehr um „das Große und Ganze“ ging, und wenn der Deichbau konkreter würde, bot er eine weitere Informationsveranstaltung dazu auf Juist an.

Er ging auf den Anstieg des Meeresspiegels ein, der besonders für die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts zu erwarten sei. Daher gäbe es eine Klimaanpassungsstrategie für Niedersachsens, ein Teil davon sei die Generalplanung Küstenschutz. Alleine für die Inseln seien langfristig in den kommenden Jahren rund 400 Millionen Euro für entsprechende Sicherungsmaßnahmen vorgesehen.

In der zweiten Hälfte der 70er Jahre wurde auf Juist vor dem Dorf ein neuer Deich gebaut, welcher im Westen des Ortes auf dem alten Deich ausläuft. In groben Zügen kann man sagen, das die Höhe des alten Deiches jetzt rund 1,5 Meter zu niedrig ist. Auch auf der Höhe vom Ostdorf seien später noch weitere Deichbaumaßnahmen erforderlich. Auf einer Strecke von rund zwei Kilometern läuft die Innensohle des Deiches direkt an der Billstraße aus, womit eine Erhöhung nur in seewärtige Richtung möglich ist. Thorenz informierte zudem darüber, dass zukünftige für den Fall weiterer Erhöhungen zwischen Innendeichsohle und der Straße mindestens 15 Meter Freifläche – eine sogenannte Berme - entstehen müsse. Dieses sieht der Küstenschutzfachmann als positiv für die Billstraße an, da sie dadurch den Tunneleindruck (im Norden Häuser teilweise bis an den Fußweg heran, im Süden der Deich) verliere.

„Die Druckleitung ist nicht Sache vom NLKWN, es gibt aber zahlreiche Berührungspunkte,“ sagte Thorenz und stellte vor allem klar „der Deichbau wird erst von uns angefangen, wenn die Druckrohrleitung fertig ist.“ Die Leitung dürfte keinesfalls später überbaut werden. Auf Nachfrage eines Zuhörers erklärte er, wenn die Gemeinde damit fertig sei, könne nach rund einem Jahr Planungs- und Vorbereitungszeit mit der Deichbaumaßnahme begonnen werden. Den Einbau des Druckrohres in die vorhandene Straße könne er sich gut vorstellen, da dort auch andere Leitungen verbaut sind, und da ein Deichverteidigungsweg zwingend erforderlich ist, sei auch die Doppelnutzung möglich. Da die Straße einige Anforderungen wie eine höhere Lastenaufnahme haben muss, wäre ein anteiliger Ausbau durch das Land entsprechend möglich.

Angesprochen wurde auch der Bauhof der Inselgemeinde, der sich im Eigentum der AG Reederei Norden-Frisia befindet und der quasi ein Teilstück des derzeitigen Deiches ist. „Bauwerke in Deichen sind immer Schwachstellen, wir wollen so etwas nicht im Deich haben,“ sagte Thorenz ganz klar. Der Bauhof, auch „Schwarze Bude“ genannt, genießt Bestandsschutz, dazu habe es auch Gespräche mit Bürgermeister Dr. Tjark Goerges und Reedereichef Carl-Ulfert Stegmann gegeben mit dem Ergebnis „wir werden den Bestand umschiffen“, d.h. südlich des Gebäudes wird ein neuer Deich gebaut.

Die Deicherhöhung auf Juist nannten Thorenz und Reske anspruchsvoll, denn von der Länge her handelt es sich um keine kleine Baumaßnahme, die zudem viel Deichbaumaterial erfordere. Dieses liege in ausreichender Menge in der Leybucht, man müsse noch Lösungen finden, es zur Insel zu bekommen, denn ein Umschlag von solchen Mengen über den Hafen scheide aus. Auch solle Sand vom Strand entnommen werden. Diese Aussagen sorgten für etwas Unruhe, denn gerade am Juister Hafen lagern große Mengen Sand in den Spülfeldern. Dieses Material hatte man zum Teil vor einigen Jahren – als die Firma Dong in Norddeich ihren Betriebssitz im Osthafen bauen wollte – mit großem Aufwand von Norddeich in die Juister Spülfelder verbracht und die Insulaner beruhigt, dass sei alles für den Deichbau vorgesehen. Die Küstenschützer sahen hier das Problem, diese Mengen quer über die von Fahrgästen, Fracht- und Entsorgungsumschlag stark frequentierte Hafenstraße zu befördern und verwiesen darauf, dass im Osten der Insel ebenfalls dieses Material noch erforderlich sei.

Ein Anwohner der Billstraße befürchtete Schäden an den Häusern, wenn die Billstraße nach dem Rohreinbau mit starkem Unterbau versehen und verdichtet würde, um für die Deichverteidigung fit zu sein. Die Planer konnte ihn aber beruhigen, es gäbe heute moderne und vibrationsfreie Verdichtungsmöglichkeiten.

Jochen Büsing, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Loog, regte an, wegen der Druckrohrleitung noch eine gesonderte Infoveranstaltung im Loog durchzuführen, weil das Projekt doch dort sehr komplex ist, denn diese muss durch den Loogster Pad mitten durch den Ortsteil und dann weiter in Richtung der Domäne Loog und Kläranlage.

Wenig Anklang – vor allem bei den Ratsmitgliedern – fand die Aussage, dass der bereits fertige Teil der Druckrohrleitung von der Pumpstation bis über die Hafenstraße (dieses war erforderlich, weil die alte Leitung wegen dem Neubau Feuerwehrhaus weichen musste, um nicht überbaut zu werden) später nicht mehr verwendet werden könne, da der Durchmesser zu groß sei. Damals ging man von einem Durchmesser von 400 mm aus, die Baukosten für die gesamte Leitung liegen damit bei 4,5 bis 5,0 Millionen Euro. Neue und verbesserte Techniken z.B. mit frequenzgesteuerten Pumpen würden nur noch einen Durchmesser von 280 mm erforderlich machen, so dass die Kosten bei der neuen Planung nur noch bei 2,3 bis 2,5 Millionen Euro liegen. Allerdings wurden – die genauen Kosten ließen sich an diesem Abend nicht beziffern – bereits 380.000 bis 700.000 Euro für die größere Leitung investiert und diese funktioniere zusammen mit den dünneren Rohren nicht. Bürgermeister Goerges wollte dazu nochmal mit dem damaligen Planungsbüro sprechen und die genauen Kosten raus suchen und auf den nächsten Sitzungen vom Rat bzw. Bauausschuss vorlegen.

Rainer Feldmann vom Planungsbüro stellte indes am Schluss fest: „Wir müssen wissen, wie es weitergeht und was wir jetzt tun sollen.“ Laut dem Verwaltungschef sollen nun bei Bauamt/Bauunterhaltung entsprechende Beschlussvorlagen erarbeitet und auf den nächsten Sitzungen zur Beratung vorgelegt werden.

Die ersten beiden Fotos zeigen die Billstraße, auf der einen Seite Häuser, auf der anderen bis an die Bordsteinkante der Deich. Später soll zwischen Straße und Deichsohle eine Berme entstehen und damit mehr Platz kommen. Die weiteren Bilder entstanden am Bauhof/Schwarze Bude. Die ehemalige Werkstatt/Garage der Inselbahn wurde seinerzeit in dem Deich integriert, so etwas wird heute nicht mehr gemacht.

Die letzte Aufnahme ist ein Blick in den Zuhörerraum während der Info-Veranstaltung. Zum Zeitpunkt der Aufnahme waren allerdings schon einige wieder gegangen.

TEXT UND FOTOS: STEFAN ERDMANN

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